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Archäozoologie / Paläontologie

| Imhof Walter | Fauna/Tiere

Die ausgedehnten Karstlandschaften des Muotatals werden seit Jahrzehnten von Höhlenforschern (Bild 1, Bild 2) aus der ganzen Schweiz erforscht. Dabei werden immer wieder Knochen von längst verstorbenen Tieren geborgen. Diese Forschungstätigkeiten in Höhlen auf dem Gebiet der Gemeinde Muotathal haben in den letzten Jahren ungeahnte Funde zu Tage gefördert, die nicht nur in der Fachwelt, sondern auch in der Bevölkerung Interesse, Beachtung und zum Teil Bewunderung ausgelöst haben.

Bis heute konnten in über 80 Höhlen und Schächten des Muotatals insgesamt 56 Tierarten nachgewiesen werden. Dazu gehören in unserer Gegend längst ausgestorbene Tiere wie Braunbär, Wolf, Luchs, Gänsegeier aber auch Gämse, Rothirsch, Reh, Dachs, Fuchs, Murmeltier, Marder und Fledermäuse, sowie der wieder angesiedelte Steinbock. Diese Artenvielfalt ist ein Hinweis auf eine bemerkenswerte, z.T. prähistorische Fauna auf dem Gebiet der Gemeinde Muotathal.

Das Fundmaterial enthält einige, sehr gut erhaltene oder fast komplette Skelette. Meistens werden aber lediglich einzelne Knochen oder gar nur Zähne gefunden.
Die ältesten in das 12./11. Jahrtausend v. Chr. datierten Knochenfunden stammen vom Schneehuhn und vom Steinbock. Für das 10./9. Jahrtausend v. Chr. sind Braunbär und Rothirsch nachgewiesen.
Im Fundmaterial fallen besonders das fast vollständige Skelett eines jungen, ca. 2 Monate alten Luchses aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. und das eines ausgewachsenen Tieres aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. auf. Luchsfunde aus Höhlen des Alpenraums sind eine absolute Rarität. Nicht unerwähnt bleiben dürfen mehrere schädelechte Geweihstangen von Rothirschen aus dem 10. Jahrtausend v. Chr., schweizweit sind diese Funde einzigartige. Stattliche Hornzapfen von Steinböcken weisen auf die Anwesenheit von sehr grossen Tieren hin. Knochen mit Schnittspuren (Bild 10a, Bild 10b, Bild 10c) und angesengter Oberfläche von Rothirschen aus der Höhle Wunderfitz und der Milchbalm-Höhle, sowie Steinbockknochen aus der Steinbockhöhle, belegen indirekt die Anwesenheit von Menschen. Erstaunlicherweise stammen all diese Knochen aus dem frühen Mesolithikum. Weitere Steinbockknochen aus dem Knochenloch wurden in die frühe Bronzezeit datiert.
Haustiere sind im Fundmaterial häufig. Für die Besiedlungs- und Wirtschaftsgeschichte sind sie von besonderer Bedeutung. Die Datierung von Ziegenknochen aus dem Knochenloch (Ober Saum), ins 11. Jahrhundert n. Chr. stimmen mit den archäologischen Befunden auf Spielplätz überein. Bedeutend wichtiger sind aber die überraschenden Datierungen von Schaf-/Ziegenknochen vom Martinsloch aus dem 5./4. Jahrhundert v. Chr. und der Zeit um Chr. Geburt. Mit diesen Funden von Haustierknochen auf der Alp Silberen, einer schwyzerischen Grenzalp zu Glarus, darf dort auch die bisher früheste alpwirtschaftliche Tätigkeit angenommen werden, welche in die keltische und frührömische Zeit zurück reicht. Dank diesen Funden ist es möglich, zusätzlich Aussagen zu den klimatischen Bedingungen der letzten 13'000 Jahre und deren Auswirkungen auf die Fauna und Flora im Forschungsgebiet zu machen.

Höhlenklima

Durch das spezielle konstante Klima in Höhlen und das basische Milieu (Kalkstein) bleiben Knochen über hundert, tausend oder zehntausend Jahren erhalten. Für Biologen, Zoologen, Archäologen und Paläontologen bieten deshalb die stabilen Verhältnisse des Höhlenraumes mit ihren mikrobiologisch ausgezeichneten Bedingungen ideale Voraussetzungen für die Forschungstätigkeiten.

Knochen liefern Informationen

Knochenfunde belegen in erster Linie die frühere Anwesenheit von Tieren. Sie können auch Auskunft über die Grösse, das Alter, das Geschlecht oder deren Verhalten geben und bei bestimmten Arten ist ein ausgeprägter Geschlechtsdismorphismus (Männchen sind grösser als Weibchen) festzustellen (Steinbock, Braunbär). An Knochen können oft auch Spuren wie Tierverbiss, Schneckenfrass, Schlachtspuren oder eine Jagdtätigkeit festgestellt werden, die interpretiert sein wollen oder dann sind es Knochen mit pathologischen Veränderungen. Deformationen oder verheilte Brüche sind oft Hinweise auf äussere Einwirkungen, denen die Tiere in den Tücken des Karstes ausgesetzt sind.

Knochen, die nach Skelettteil und der Tierart bestimmt werden konnten, sind geschichtliche Quellen und können auch auf siedlungs- oder wirtschaftsgeschichtliche Aspekte einer Region hinweisen. Die Ergebnisse können im Zusammenhang mit der Fundstelle und des Fundplatzes unter Umständen ein aussagekräftiges Bild liefern umso mehr, falls sich noch zusätzliche Artefakte wie Werkzeuge, bearbeitete Holzreste oder Feuerstellen finden lassen. Jede Bestimmung von Knochen bedeutet Erweiterung des Wissens über den Fundort; man muss sich jedoch bewusst sein, dass mit der Bergung der gefundenen Knochen eine ursprüngliche Situation zerstört wird.

Bei Knochenfunden muss einerseits überlegt werden, ob sie Fragen nach einer Klimaänderung oder Bedingungen zum Lebensraum der nachgewiesenen Tiere und andererseits deren Artverhalten oder der Zusammensetzung der Tier- und Pflanzenwelt beantworten lassen. Bestimmte Tierarten sind ein guter Indikator für das Klima oder die Umwelt, in der sie leben. Steinbock, Murmeltier oder Gämse weisen z.B. auf eine offene Landschaft hin während Reh, Rothirsch, Luchs oder Wildschwein auf eine bewaldete Umgebung hinweisen. Es ist durchaus möglich, dass in einer Höhle Knochen von Tierarten verschiedener Landschaftsformen gefunden werden, die während unterschiedlicher klimatischer Bedingungen gelebt haben. Diese Informationen sind sehr wertvoll für die anzuwendende Artenschutzpolitik, zum Beispiel im Hinblick auf kommende Klimaänderungen.

Datierung

Knochen können an Hand ihres Aussehens nur ungenau datiert werden. Um das Alter zu bestimmen, bedient man sich der Radiokarbon- oder 14C Methode, wobei meist mittels Teilchenbeschleuniger, der so genannten AMS-Methode gemessen wird. Oft drängt es sich auf, aus ein und derselben Höhle verschiedene Datierungen vornehmen zu lassen, was z.B. Aufschluss geben kann, über welchen Zeitraum eine Höhle nachweislich aufgesucht wurde.

Referenz Sammlung
Nach dem Tod von Philipp Morel, lic. phil. nat. im Jahre 1999 übernahm Walter Imhof, Lehrer, Muotathal die Aufarbeitung, Beschriftung und Archivierung des anfallenden Knochenmaterials aus den Höhlen im Muotatal. Damit war der Grundstein gelegt für eine umfangreiche Sammlung, in welcher mittlerweile schätzungsweise 10`000 Knochen von 56 verschiedenen Tierarten aus 87 Höhlen aufbewahrt werden. Diese Sammlung (Bild 22a, Bild 22b, gilt inzwischen als höchst wertvolle und bedeutende Referenzsammlung, welche die Karstregionen des Muotatals abdeckt und schweizweit einmalig ist.



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